Die Nibelungen (1924)

Die Nibelungen (1924)

Die Nibelungen ist die erste Filmadaption der Sage und wurde in zwei Teilen, "Siegfried" und "Kriemhilds" Rache 1924 in Berlin uraufgeführt. Regie führte Fritz Lang, der gerade mit dem Zweiteiler "Dr. Mabuse, der Spieler" seinen internationalen Durchbruch geschafft hatte.

Als Film aus einer Zeit weit vor der Dominanz von naturalistischem Schauspiel im modernen Film ist dieser Stummfilm ein wunderbares Vehikel, die Sage in ihrer ganzen Dramatik zu inszenieren, so dass die großen Gefühle von Verrat und Rache auch in großen Gesten portraitiert werden. Dazu trägt sicherlich die Notwendigkeit bei, alle Emotionen durch reinen Ausdruch zu transportieren, so dass sie wortlos zu verstehen sind.

Heutzutage würde ein solcher Film sicherlich versuchen, ein möglichst realitisches Frühmittelalter zu portraitieren und die fantastischen Elementen zu erden. Solche Gedanken sind dem frühen Kino angenehm fern, und hier sehen wir ein Mittelalter, das klar den zwanziger Jahren entsprungen ist.

Der große Gewinner dieses Designs ist ganz klar Hagen von Tronje. Der Helm mag nicht authentisch sein, aber meine Güte, er ist cool!

Der erste Teil, "Siegfried", adaptiert die Sage von Siegfrieds Zeit als Schmiedegeselle bis zum natürlichen Bruch der Geschichte, seiner Ermordung durch Hagen. Es muss mindestens 15 Jahre her sein seit ich das letzte Mal eine Fassung der Sage gelesen haben, aber ich war doch erstaunt wie gut die Handlung im Film zu meinen Erinnerungen passte, die von einer Kinderbuchfassung geprägt sind.

Paul Richter spielt die Hauptrolle, und gibt den Archetyp des Helden, körperlich und willensstark hastet er von großer Geste zu großer Geste.

Der Film ist ein Meilenstein in der technischen Entwicklung des Film, mit für die Zeit sehr fortschrittlicher Tricktechnik. Highlight hier ist der Drache Fafnir, dessen mangelnde Beweglichkeit den Zweikampf gegen Siegfried zwar in heutigen Augen unfreiwillig komisch wirken lässt, dessen Realisierung als animatronische Puppe aber eine große Errungenschaft war.

Gerade der zweite Teil beeindruckt darüber hinaus mit vielen Massenszenen, in denen hunderte von Statisten zum Einsatz kommen, teilweise auch mit dutzenden Pferden im vollen Gallop und am Ende des Films mit eindrucksvollen Kampfszenen.

Langs visuelle Gestaltung des Films ist künstlerisch höchst interessant. Geometrische Formen beherrschen die Kulissen und die Orientierung der Personen in ihr und visualieren die Konflikte der Charaktere und die Zwänge, die ihre Handlungen leiten.

Diese geometrische Strenge wird dann im zweiten Teil gebrochen, der größtenteils an Etzels Hof spielt. Hier geht alles ungeordnerter und wilder zu, die Hunnen werden als deutlich primitiver als die Burgunder dargestellt, man trägt Fell, oberkörperfrei, oder auch gerne nichts, bewegt sich unorganisiert und gerne gebückt. Diese Darstellung, hier illustriert am Beispiel Etzels, wäre heute vermutlich undenkbar, da ist der Film sehr ein Produkt seiner Zeit.

Eine Adaption der Nibelungensage in einer Zeit zwischen erstem Weltkrieg und Hitlers Machtergreifung kann man heute nicht sehen, ohne Fragen über die Einordnung des Films in dieser Zeit im Hinterkopf zu haben. In der Tat sind beide Filme explizit dem deutschen Volk gewidmet. Die enge Verbindung der Nibelungen mit dem Konzept "Deutsch" an sich ist also auch Fritz Lang mehr als klar gewesen. Besonders offensichtlich wird dies gegen Ende von Kriemhilds Rache, als Etzel die Herausgabe von Hagen fordert und den Burgunderkönigen dafür ihre Freiheit verspricht. Einer der deutschen Fürsten in seiner Entourage, ich glaube Markgraf Rüdiger, wirft ihm daraufhin vor, die deutsche Seele nicht zu kennen. Hier wird die sprichtwörtliche Nibelungentreue noch einmal ganz explizit mit einem deutschen Charakter verknüpft.

Gleichzeit ist überliefert, dass Hitler und Göbbels den ersten Teil, "Siegfried" mochten, "Kriemhilds Rache" allerdings nicht. Dieser Film soll ihnen zu nihilistisch gewesen sein und sie wollten wohl nicht sehen, wie die Nibelungentreue zu Tod und Zerstörung führt.

Fritz Lang selbst hat zu dem Thema erklärt, dass er die Filme gedreht hat um den Deutschen in der Nachrkriegsdepression nach dem verlorenen ersten Weltkrieg einen Anknüpfpunkt an die mythische deutsche Vergangenheit bieten wollte, als eine Art Trostspender. Hier kann man wohl einen Ansatz für Parallelen zum Ansatz der Nazis finden, aber wie schon beschrieben, waren diese eher selektiv was diese Anknüpfpunkte angeht. So sind Langs Nibelungen wohl derselben Zeit entsprungen, die später den Nationalsozialismus hervorbrachte, aber eine Assoziierung von Lang mit den Nazis selbst ist Unsinn, zumal er '33 in die USA emigrierte.

Heute eröffnen diese beiden Filme einen faszinierenden Blick in die Frühzeit des Films. Die technischen Limitierungen allein bei der Aufzeichnung von Film der damaligen Zeit sind offensichtlich, aber es beieindruckend zu sehen, wie schnell Film sich als Kunstform etabliert hat und wie mit aus heutiger Sicht bescheidenen technischen Mitteln neue Ausdrucksformen geschaffen werden. Totzdem ist es mit heutigen Sehgewohnheiten nicht einfach, sich wirklich fallen zu lassen in diese doch sehr andere Art des Films. Es dauert seine Zeit, bis man sich auch emotianal verbunden fühlt mit den Charakteren und es gibt in beiden Filmen nur einzelne Phasen, in denen ich wirklich emotional involviert war. So bleibt des Schauen der Filme doch auch intellektuelle Übung, bei allem sonstigen Sehvergnügen. 

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